Wer Frauen zu mehr Sichtbarkeit ermutigt, muss auch über die Bedingungen sprechen, unter denen sie sichtbar werden.
Bei shevisible beschäftigen wir uns damit, wie Frauen aus Wissenschaft und Wirtschaft ihre Expertise vermitteln und ihre Arbeit sichtbar machen können. Dazu gehört für mich auch die Frage: Wer steht hinter dir, wenn deine öffentliche Kommunikation persönliche Angriffe auslöst?
Hate Speech gegen Wissenschaftlerinnen betrifft die Betroffenen und die öffentliche Debatte. Wenn Menschen ihre Forschung aus Sorge vor Anfeindungen seltener erklären, fehlen ihre Perspektiven und ihr Wissen. Deshalb gehören Rückhalt, klare Zuständigkeiten und professionelle Unterstützung zu einer verantwortungsvollen Wissenschaftskommunikation.
Was ist Hate Speech in der Wissenschaftskommunikation?
Wissenschaftskommunikation macht wissenschaftliche Erkenntnisse, Methoden und Fragen für unterschiedliche Zielgruppen zugänglich. Dabei sind Nachfragen, Widerspruch und kontroverse Diskussionen ausdrücklich erwünscht.
Hate Speech bedeutet Hassrede: Menschen werden aufgrund ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen Zugehörigkeit zu einer Gruppe abgewertet, beispielsweise wegen ihres Geschlechts, ihrer Herkunft oder Religion. Die Amadeu Antonio Stiftung beschreibt sie als Ausdruck gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.
Für die Einordnung helfen drei beispielhafte Situationen:
- Jemand hinterfragt die Aussagekraft einer Studie und begründet seine Zweifel: Das ist fachliche Kritik.
- Jemand beschimpft die Forscherin persönlich: Das ist ein persönlicher Angriff.
- Jemand spricht Frauen grundsätzlich die Fähigkeit zu wissenschaftlicher Arbeit ab: Das ist eine geschlechtsbezogene Abwertung.
Diese Unterscheidung ist wichtig. Nicht jede unfreundliche Reaktion ist Hate Speech. Persönliche Angriffe und Einschüchterungen verdienen aber auch dann Aufmerksamkeit, wenn sie nicht unter diesen Begriff fallen.
Warum braucht es einen besonderen Blick auf Wissenschaftlerinnen?
Anfeindungen betreffen Menschen unterschiedlicher Geschlechter. Gleichzeitig können sie sich gegen Wissenschaftlerinnen auf spezifische Weise richten.
Der Scicomm-Support berichtet in seiner Bilanz vom Dezember 2024 aus der Beratungspraxis von geschlechtsspezifischen Angriffen, darunter Sexismus, Belästigung und herablassende Äußerungen. Die Beratungsfälle sind ausdrücklich nicht repräsentativ. Sie zeigen jedoch, welche Erfahrungen in der Unterstützung Betroffener berücksichtigt werden müssen.
Für unsere Arbeit zur Sichtbarkeit ergibt sich daraus eine wichtige Frage: Wie können Frauen ihre fachliche Position vertreten und dabei auf verlässliche Unterstützung zählen?
Der Rat, selbstbewusster aufzutreten, greift hier zu kurz. Auch eine souveräne, sorgfältig kommunizierende Wissenschaftlerin kann angegriffen werden. Die Verantwortung für den Angriff liegt bei den Angreifenden.
Was passiert, wenn die Sorge vor Hass die Kommunikation verändert?
Ein Forschungsüberblick der Transfer Unit Wissenschaftskommunikation beschreibt Hinweise auf sogenannte Silencing-Effekte: Betroffene schränken ihre öffentliche Kommunikation ein oder meiden bestimmte Themen, um weiteren Angriffen zu entgehen. Die zugrunde liegenden Studien untersuchen unterschiedliche Gruppen; ihre Ergebnisse lassen sich nicht pauschal auf alle Wissenschaftlerinnen übertragen.
Für die Sichtbarkeit ist das dennoch eine zentrale Herausforderung. Die Entscheidung, etwas zu veröffentlichen, hängt auch davon ab, ob jemand sich dabei unterstützt fühlt.
Eine Pause oder ein Rückzug können persönlich sinnvoll sein. Niemand muss die eigene Belastungsgrenze überschreiten, um als engagierte Wissenschaftskommunikatorin zu gelten. Gleichzeitig sollten wir Strukturen schaffen, in denen öffentliche Beteiligung möglich bleibt.
Was kannst du bei Anfeindungen tun?
Der Leitfaden des Scicomm-Supports bietet Orientierung für unterschiedliche Situationen. Wichtige erste Schritte sind:
- Unterstützung holen: Beziehe eine Vertrauensperson, die Kommunikationsabteilung deiner Einrichtung oder eine spezialisierte Beratungsstelle ein.
- Vorfälle dokumentieren: Sichere Nachrichten und Beiträge einschließlich Kontext, Zeitpunkt und Links. Eine vertraute Person kann das übernehmen, damit du die Inhalte nicht immer wieder selbst lesen musst.
- Reaktionen abstimmen: Kläre mit Unterstützung, ob und wie eine öffentliche Antwort sinnvoll ist.
- Bedrohungen ernst nehmen: Bei einer konkreten, akuten Bedrohung sollten umgehend die Sicherheitsbehörden eingeschaltet werden.
Welche Schritte passen, hängt von der Situation ab. Du musst diese Einschätzung nicht allein treffen.
Wo finden Wissenschaftlerinnen professionelle Unterstützung?
Eine spezialisierte Anlaufstelle ist der Scicomm-Support. Das Angebot richtet sich an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Wissenschaftskommunizierende sowie wissenschaftliche Einrichtungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Die persönliche Beratung ist kostenlos; Angaben werden vertraulich behandelt.
Telefon: +49 157 923 448 04
Erreichbarkeit: täglich von 7 bis 22 Uhr
Website: scicomm-support.de
Neben der telefonischen Beratung gibt es Leitfäden, Trainings und Weiterbildungen. Der Scicomm-Support bietet außerdem Rechtsberatung an und kann bei Bedarf weiterführende psychologische Unterstützung vermitteln. Die Anlaufstelle unterstützt bei digitalen und analogen Angriffen sowie unsachlichen Konflikten im Zusammenhang mit Wissenschaftskommunikation.
Welchen Rückhalt sollten Hochschulen und Forschungseinrichtungen schaffen?
Aus meiner Sicht gehört zu jeder Strategie für mehr Wissenschaftskommunikation auch eine Antwort auf diese Frage: Was passiert, wenn eine öffentlich kommunizierende Person angegriffen wird?
Dafür sollten Einrichtungen vorab klären:
- Wer ist im Ernstfall unmittelbar erreichbar?
- Wer übernimmt die Sichtung und Moderation von Kommentaren?
- Wer koordiniert Beratung und weitere Unterstützung?
- Wie werden Führungskräfte und Kommunikationsteams eingebunden?
- Wie wird eine öffentliche Stellungnahme mit der betroffenen Person abgestimmt?
Rückhalt wird konkret, wenn Zuständigkeiten bekannt sind und Unterstützung tatsächlich verfügbar ist. Ein allgemeines „Melde dich, wenn etwas ist“ reicht dafür oft nicht aus.
Auch Kolleginnen und Kollegen können entlasten: durch persönliche Kontaktaufnahme, praktische Hilfe und abgestimmte Solidarität. Entscheidend ist, was die betroffene Person braucht.
Was bedeutet das für unsere Haltung zu Sichtbarkeit?
Ich möchte Frauen darin bestärken, ihre Expertise öffentlich einzubringen. Dazu gehört für mich, mögliche Risiken ernst zu nehmen und Unterstützungsangebote sichtbar zu machen.
Eine tragfähige Sichtbarkeitsstrategie berücksichtigt deshalb fachliche Ziele, passende Kommunikationswege, persönliche Grenzen und ein unterstützendes Umfeld.
Sichtbarkeit braucht Rückhalt. Wer Frauen ermutigt, ihre Stimme einzubringen, sollte diesen Rückhalt mitgestalten.
Ist in deiner Einrichtung bereits klar, an wen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei Anfeindungen wenden können?
Quellen und weiterführende Unterstützung
- Amadeu Antonio Stiftung: „Was ist Hate Speech?“
Grundlage für die Definition von Hassrede und die Einordnung geschlechtsbezogener Abwertung.
https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/digitale-zivilgesellschaft/was-ist-hate-speech/
- Transfer Unit Wissenschaftskommunikation: „Hate Speech und Angriffe auf Wissenschaftler*innen – Ein Forschungsüberblick“
Von Christina Seeger, Lena Frischlich, Magdalena Obermaier, Ursula K. Schmid und Heidi Schulze. Forschungsstand zu Angriffen, ihren Folgen und möglichen Einschränkungen öffentlicher Kommunikation („Silencing“).
https://wissenschaft-im-dialog.de/documents/217/TransferUnit_Forschungsueberblick_Hatespeech.pdf
- Scicomm-Support: „1,5 Jahre Scicomm-Support: Eine erste Bilanz und Kennzahlen aus der Beratungspraxis zu Wissenschaftsfeindlichkeit“.
Kristin Küter, 4. Dezember 2024. Grundlage für die beschriebenen geschlechtsspezifischen Erfahrungen aus der Beratung. Die Beratungsdaten sind nicht repräsentativ.
https://scicomm-support.de/2024/15-jahre-scicomm-support-eine-erste-bilanz-und-kennzahlen-aus-der-beratungspraxis-zu-wissenschaftsfeindlichkeit/
- Scicomm-Support: „Leitfaden – Umgang mit Angriffen und unsachlichen Konflikten in der Wissenschaftskommunikation“.
Handlungsempfehlungen zur Einschätzung von Bedrohungen, Dokumentation von Vorfällen und Einbindung von Unterstützung.
https://scicomm-support.de/hilfe-unterstuetzung/leitfaden/
- Scicomm-Support: Beratungsangebot und Informationen zur Anlaufstelle.
Angaben zu Zielgruppen, Erreichbarkeit, Vertraulichkeit und weiterführender Unterstützung.
https://scicomm-support.de/ und https://scicomm-support.de/ueber-scicomm-support/
Die Quellen wurden am 28. Oktober 2026 abgerufen. Die Empfehlungen zur Gestaltung einer Sichtbarkeitsstrategie und zum institutionellen Rückhalt sind die eigene Einordnung der Autorin auf Basis dieser Quellen.
Autorin: Sara, 29. Oktober 2026


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