Wenn wir das Fundament unserer Kultur- und Wissenschaftsgeschichte betrachten, stellen wir fest: Die Baupläne unseres kollektiven Gedächtnisses weisen massive statische Mängel auf. Denn wenn wir an große Erfinderinnen, prägende Philosophinnen oder wegweisende Forscherinnen der Geschichte denken, bleiben die Plätze in unseren Lehrbüchern, Porträtsammlungen und digitalen Enzyklopädien oft leer. Das ist das Ergebnis eines historisch gewachsenen Wissenskanons, der Innovation und intellektuelle Exzellenz traditionell mit männlichen Attributen verknüpft.
Werden Frauen in der Geschichte und im aktuellen Innovationsgeschehen unsichtbar gemacht, hat das fatale Folgen für den Nachwuchskräftebereich. Ganz nach dem Motto „You have to see it to be it“ fehlen jungen Frauen greifbare Identifikationsfiguren. Doch wie können wir diesen blinden Fleck korrigieren? Wie brechen wir starre Fachkulturen auf, schließen die Wissenslücken in digitalen Lexika wie Wikipedia und holen vergessene Pionierinnen aus dem Schatten der Geschichte?
Fachkulturen und Stereotype aufbrechen: Das Projekt Bildersturm
Die Art und Weise, wie eine Disziplin wahrgenommen wird, entscheidet massiv darüber, wer sich dort zugehörig fühlt. Wenn wissenschaftliche Felder mit einseitigen, stark männlich konnotierten Eigenschaften aufgeladen sind, entsteht bei Frauen das Phänomen des Lack of Fit – das Gefühl, nicht in dieses Bild zu passen.
Ein eindrückliches Beispiel hierfür liefert das IFiF-Projekt Bildersturm der Universität Göttingen, das sich mit der Philosophie auseinandergesetzt hat. Die Analysen zeigen, dass das stereotype Bild des „kalten Philosophen“ vor allem auf rationale Härte und harten Wettbewerb setzt. Studentinnen nehmen hier eine größere Diskrepanz zu ihrer eigenen Person wahr, was nachweislich dazu führt, dass sie deutlich häufiger in Erwägung ziehen, die Disziplin zu verlassen.
Der Clou des Projekts: Nicht die Studierenden müssen sich ändern, sondern das Image des Fachs. Im Rahmen einer kommunalen Zielintervention wurden gemeinschaftsbezogene Arbeitsweisen – wie Dialogfähigkeit, Selbstreflexion, ethische Fragestellungen und Menschenrechte – in den Fokus gerückt. Das Ergebnis eines experimentellen Designs mit Studierenden war eindeutig: Die sichtbare Öffnung des Fachs steigerte das fachliche Zugehörigkeitsempfinden signifikant – und das völlig geschlechtsunabhängig.
Der digitale Wissenskanon: Das Projekt Hack the Wiki Gap
Wenn wir heute nach Fachwissen, historischen Kontexten oder Expertinnen recherchieren, ist Wikipedia für die meisten von uns die erste Anlaufstelle. Doch auch die digitale Enzyklopädie leidet unter einem Gender Gap: Biografien von Frauen, insbesondere von Innovatorinnen, Forscherinnen und historischen Pionierinnen, sind dort drastisch unterrepräsentiert. Was nicht digital dokumentiert ist, existiert im öffentlichen Bewusstsein schlicht oft nicht.
Genau hier setzt das Projekt Hack the Wiki Gap an. Um diese digitale Sichtbarkeitslücke zu schließen, entwickelte das Projekt innovative Hackathon-Formate, in denen Teilnehmende praxisnah lernen, selbst zu Wikipedia-Autorinnen und -Autoren zu werden.
Um dieses Wissen nachhaltig zu multiplizieren, stellt das Projekt zwei frei zugängliche Tutorials auf wikigap.de/tutorials zur Verfügung:
- Tutorial 1 (Einstieg in Wikipedia): Begleitet den Weg von der Kontoerstellung über die ersten Schritte bis hin zum Verfassen und Veröffentlichen eigener biografischer Artikel.
- Tutorial 2 (Wissen weitergeben): Zeigt, wie das Schreiben für Wikipedia direkt in akademische Lehrveranstaltungen, Seminare oder Workshops integriert werden kann.
Damit wird Wikipedia von der Rezeptionsplattform zum aktiven Werkzeug der digitalen Chancengleichheit.
Geschichte greifbar machen: Das Projekt Versäumte Bilder
Neben digitalen Lexika prägen auch die physischen Räume von Hochschulen, Museen und Unternehmen unser Bild von Exzellenz. Wer durch die Flure traditioneller Forschungseinrichtungen geht, blickt meist auf Ahnengalerien, die fast ausschließlich mit Porträts von Männern besetzt sind.
Das meta-IFiF-Verbundprojekt Versäumte Bilder greift dieses Problem auf und macht Wissenschaftlerinnen und Pionierinnen sichtbar, deren Leistungen über Jahrzehnte hinweg übersehen oder schlicht männlichen Kollegen zugeschrieben wurden. Ein zentrales Element der Wanderausstellung sind KI-generierte Porträts, die diese Frauen symbolisch in ihren realen historischen Arbeitskontexten würdigen.
Ein herausragendes Praxisbeispiel hierfür liefert das Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt, das die Ergebnisse des IFiF-Projekts Secret Service: Frauen. Forschung. Senckenberg in einer Sonderausstellung aufgreift. Dort werden Laborantinnen, Stifterinnen, Zeichnerinnen und Forscherinnen in den Mittelpunkt gestellt – wie etwa die Museumslaborantin Margot Perl, die im Zweiten Weltkrieg einen entscheidenden Beitrag zur Sicherung naturwissenschaftlicher Bestände leistete. Solche Initiativen korrigieren das kollektive Gedächtnis und zeigen, dass Innovation schon immer weiblich war.
Was wir jetzt tun können: Den Kanon aktiv erweitern
Den Kanon zu reparieren und neu zu bauen ist eine konkrete Gemeinschaftsaufgabe für Organisationen und Hochschulen. Hier sind konkrete Schritte, die du in deiner Organisation gehen kannst:
- Den eigenen institutionellen Raum überprüfen: Wirf einen Blick auf die Flure, Konferenzräume und Website-Galerien deiner Organisation. Wer wird dort porträtiert? Schaffe Raum für die Sichtbarmachung historischer und gegenwärtiger Leistungsträgerinnen.
- Edit-a-thons und Wikipedia-Workshops veranstalten: Nutze die offenen Tutorials von Hack the Wiki Gap, um in deiner Institution eigene Schreibwerkstätten zu organisieren und biografische Einträge über lokale Innovatorinnen zu verfassen.
- Fachkulturen reflektieren: Inspiriert vom Projekt Bildersturm: Hinterfrage in Lehre und Projektarbeit, ob deine Fachkultur einseitig wettbewerbsfixiert ist, oder ob gemeinschaftsbezogene und ethische Werte stärker integriert werden können.
- Vielfältige Role Models einbinden: Achte bei der Auswahl von Vorbildern auf Diversität in Werdegängen, Karrierestufen und Hintergründen, um echten Identifikationsraum zu schaffen.
Fazit: Wer die Vergangenheit neu schreibt, gestaltet die Zukunft
Die Neugestaltung unseres Wissenskanons und die Sichtbarmachung von Pionierinnen ist kein Blick zurück aus bloßer Nostalgie. Indem wir digitale Lücken auf Wikipedia schließen, stereotype Fachkulturen aufbrechen und historische Erinnerungslücken korrigieren, erweitern wir das Fundament, auf dem zukünftige Generationen von Innovatorinnen aufbauen können. Das Reparieren und Neubauen unseres Wissenskanons ist ein aktiver Akt der Zukunftsgestaltung. So errichten wir ein stabiles Fundament, auf dem kommende Generationen von Innovatorinnen selbstverständlich aufbauen können
Welche historische Persönlichkeit oder welche Innovatorin aus deinem Fachbereich sollte deiner Meinung nach viel bekannter sein? Schreib es in die Kommentare!
Quelle zu diesem Beitrag: https://www.innovative-frauen-im-fokus.de/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=1984&token=8bff32da6915b695c40abf40d57bbbd09a0c7726


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